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Viertelsanierung

SZ vom 15.7.2009, Seite 11 von Petra Steinberger:

„Das alte, neue Leben“ –  Wie Bürger, Architekten und Stadtplaner ein heruntergekommenes Viertel in Kopenhagen sanieren.

…Holmbladsgate ist ein altes Arbeiterviertel im Süden von Kopenhagen, in und um das einst Fabriken angesiedelt waren. Mit denen jedoch ging es seit den Siebzigern…zu Ende. Und irgendwann war da kein Ort mehr, an dem die Arbeiter hätten Arbeit finden können, Arbeitslosigkeit zog ein und Armut und Alkohol. Der Boden unter den ehemaligen Fabriken war verseucht von jahrzehntelangem unachtsamen Umgang mit Chemikalien, und die Jugendlichen hatten keinen Platz für sich außer der Strasse – sonst gab es an gesellschaftlichem Angebot vor allem Bierkneipen, ganze Straßenzüge lang. Wer wegziehen konnte, tat es, die Fluktuation stieg, und so fühlte sich bald kaum einer noch verbunden mit seinem Viertel…

Lange hatte sich Dänemark darauf beschränkt, heruntergekommene Stadtteile allein durch die Erneuerung oder Renovierung von Gebäuden zu sanieren…

1997 erprobte man einen neuen Ansatz – im Kvaterloft – Programm, der „Quartiersanierung“, versuchte man, städtebauliche Maßnahmen mit sozialen, ökologischen und ökonomischen Aspekten zu verbinden. Bürgerbeteiligung war das Zauberwort, und  Holmbladsgate war eines der ersten sieben Projekte, die für  Kvaterloft ausgesucht wurden…

Denn Bürgerbeteiligung, das bedeutet nicht nur tagelanges Diskutieren über die Gestaltung eines neuen Platzes oder die Einrichtung eines neuen Kultur- und Bürgerzentrums. Es bedeutet für viele der Bürger auch finanzielle Beteiligung. Denn an den Kosten für die ausgewählten Wohnblocks, die im Projektrahmen renoviert werden sollten, beteiligten sich nicht nur Staat und Stadt – jeder, der eine Wohnung in einem solchen Haus besaß, musste einzahlen. Das sorgte aber auch dafür, dass günstig, sinnvoll und zweckorientiert geplant wurde…..

Stadtplanung ist oft dort am wirkungsvollsten, wo sie mit wenigen Eingriffen viel verändert: wo man aus der Umwidmung eines Durchgangsweges in einen öffentlichen Platz, aus der Strecke zwischen zwei Punkten einen Ort des Zusammentreffens, eine neue Agora erschafft, zum Beispiel…

…neue Straßenbeleuchtung…neue grüne Innenhöfe…ein Turnkletterfitnessgerüst auf einem leeren Bauplatz.. ganz neue Orte der Begegnung… das Jugendzentrum am Meer…..

A.d.A.

Die Bewohner des Viertels sind hier eingebunden in den Sanierungs- und Bauprozess, sie können mitbestimmen und eigene Ideen einbringen.

Üblicherweise wird von der Stadt / Gemeinde ein Baugelände zur Bebauung an Bauträger verkauft. Die Einhaltung der Bauvorschriften wird überwacht, im übrigen wird von den Bauträgern ausschließlich nach kommerziellen Gesichtpunkten geplant und verkauft.

Die späteren Käufer der Immobilien sind in den meisten Fällen von jeder Einflussnahme auf das Bauobjekt ausgeschlossen; sie kaufen das fertige Produkt..

Die Einhaltung sozialer, ökologischer und ökonomischer Gesichtspunkte können von den späteren Bewohnern oder Eigentümern nicht überwacht oder gefordert werden.

Das Resultat dieser gesellschaftlichen Entwicklung ist abzulesen an den   Neubaugebieten in ganz Deutschland: uniform, Quadratmeter-Schinderei, massen- oder schichtenbewusst..

Vernachlässigt wird die Schaffung von Raum für öffentliches Leben; vergleichbar der „agora„; Platz für  zwanglose Treffen“ der Bewohner des Viertels ohne Konsumzwang,   außerhalb von Kneipen und Restaurants, Einkaufsmall etc.

Platz für Kinder und Jugendliche, Spiel- und Sportmöglichkeiten, integriert ins Wohnviertel….

Durch Organisation des Zusammenlebens in Basisgemeinschaften wird die Voraussetzung geschaffen zum Umdenken und gemeinsamen Handeln in den Vierteln, in denen wir leben. Kommunikation  erlernen und erleben, gemeinsame Interessen erkennen und bewusst machen, dieser Weg erschließt uns die Möglichkeiten der demokratischen Mitgestaltung unseres Alltags.

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